
Archduchess Marie Antoinette Habsburg Lotharingen After Martin Ii - Marie Antoinette Painting

Der Perlenanhänger der französischen Königin Marie Antoinette erreichte bei einer Versteigerung in Genf einen Rekordpreis. (Bild: Denis Balibouse / Reuters)

Jean-Baptiste-Andre Gautier d’Agoty, Marie Antoinette, 1775, Palace of Versailles, Versailles, France. Detail.

Adolf Ulrik Wertmüller, Marie Antoinette with her two eldest children, Marie-Thérèse Charlotte and the Dauphin Louis Joseph, in the gardens of the Petit Trianon, 1785, Nationalmuseum, Stockholm, Sweden.
Marie Antoinette | Wer war sie wirklich?
„Qu’ils mangent de la brioche“: Sollen sie doch Brioche essen.
Die Welt kennt diesen Ausspruch bis heute als „Gebt ihnen Kuchen!“. Während der Hungersnot ihres Volkes soll die französische Königin Marie Antoinette (1755–1793), in der ihr zugeschriebenen Naivität und Arroganz, eben diesen Satz gesagt haben. Brioche, muss man wissen, ist ein Brot mit Ei und Butter, welches auch als Kuchen durchgehen könnte. Bis heute ist sie für diesen "Sager" bekannt, und bis heute wird sie mit diesem Satz zitiert.
Die Sache ist nur die: Es gibt keine historischen Belege dafür, dass Marie Antoinette diesen Satz jemals gesagt hat. Ebenso ist nicht erwiesen, dass das Bild, welches wir bis heute von ihr haben, auch nur ansatzweise der Wahrheit entspricht.
Was wirklich geschah
Der besagte Satz taucht in einer Form bereits in der Biografie von Jean-Jacques Rousseau auf, die zwischen 1765 und 1769 geschrieben wurde. Dort berichtet er von einer „großen Prinzessin“, die als Reaktion auf fehlendes Brot im Volk „Brioche“ empfiehlt. Der entscheidende Punkt: Rousseau notiert diese Anekdote in einem Kontext, der zeitlich lange vor Marie Antoinettes Rolle als Königin liegt. Später, im Klima der Französischen Revolution, wird der Satz dennoch ihr zugeschrieben. Er stellt die Königin als kalt, abgehoben und luxuriös dar. Marie Antoinette wurde in der Öffentlichkeit somit zur Projektionsfläche: für Frust, Neid und Angst vor Wandel.
Wer war sie wirklich?
Marie Antoinette war jedoch bereits seit ihrer Heirat mit Louis Auguste in Frankreich – sie war damals erst 14 Jahre alt – beim französischen Volk nicht besonders beliebt. Sie, geboren 1755 in Wien, war die jüngste Tochter von Österreichs Alleinherrscherin Maria Theresia. Die Hochzeit mit dem französischen Thronfolger sollte die beiden Länder nach dem zurückliegenden Krieg miteinander versöhnen.
Zudem gab es ein unausgesprochenes Geheimnis: Die Ehe zwischen Marie Antoinette und ihrem Gatten Louis Auguste (dem späteren Louis XVI.) wurde in den ersten 7 Jahren nicht vollzogen. Entsprechend wurde viele Jahre lang kein Erbe geboren, was im 18. Jahrhundert für eine Königin gefährlich sein konnte und im Falle von Marie Antoinette zu zahlreichen Gerüchten führte. Erst 1778 konnten die Probleme in der Ehe offenbar gelöst werden, und Marie Antoinette gebar schließlich vier Kinder, darunter zwei Söhne.
Zu ihrem Bild in der Öffentlichkeit trug außerdem bei, dass sie Mode, Schmuck und Gesellschaft liebte und relativ spendierfreudig war. Ihre Schwester soll nach ihrem Tod über sie geschrieben haben: „Ihr einziges Vergehen war, sie liebte Feierlichkeiten und Unterhaltung.“ Während ihr Arroganz nachgesagt wurde, soll sie aber in Wirklichkeit eine liebende Mutter und großzügige Frau gewesen sein. Neben ihren vier eigenen Kindern adoptierte sie sogar sechs weitere.
Das Bild in der Öffentlichkeit war jedoch längst festgefahren.
Schmuck als Statussymbol
Marie Antoinette´s Freude an Schmuck und Kunst war in den damaligen Zeiten ebenso fatal und war ihrem Ruf nicht gerade dienlich. 1781 soll Marie Antoinette rund 750.000 Livres für Diamanten und fast eine Million für Porzellan ausgegeben haben – während viele ihrer Untertanen täglich nur etwa drei Livres verdienten. Angesichts der wachsenden Staatsverschuldung und steigender Lebensmittelpreise wuchs der Zorn der Bevölkerung, und die Königin wurde zum Sündenbock und zum Symbol für die Verschwendung des Hofes. Sie erhielt den Spitznamen „Madame Déficit“.
Marie Antoinettes ausgeprägte Leidenschaft für schöne Kleidung – sie gilt als erste Trendsetterin – und prachtvollen Schmuck ist bis heute vielfach belegt. In nahezu jedem ihrer Porträts vor der Gefangenschaft der königlichen Familie trägt sie Diamanten, Perlen und andere kostbare Edelsteine. Diamanten und Perlen waren schließlich ein deutliches Zeichen von Rang und Status.
Eines ihrer Schmuckstücke gelangte 2018 zur Auktion bei Sotheby’s und wurde zum Höhepunkt der Auktion: ein Perlen- und Diamantanhänger. Der Anhänger wurde für 36,4 Millionen Schweizer Franken verkauft – ein Rekordpreis für eine natürliche Perle. Er gilt als Teil jener Juwelen, die 1791 heimlich aus Paris in Sicherheit gebracht wurden, als die königliche Familie vor den Revolutionären fliehen wollte. Über Brüssel gelangten die Schmuckstücke schließlich nach Wien in den Schutz des österreichischen Kaisers. Später gingen sie an die einzige überlebende Tochter des Königspaares, Marie-Thérèse de France.
Die Halsbandaffäre (1784–1785)
Ein extrem kostbares Diamantcollier, ursprünglich für die Mätresse von Louis XV. gedacht, wurde nach dessen Tod zum Problem für die Juweliere. In einem komplexen Betrug wurde Kardinal de Rohan davon überzeugt, die Königin Marie Antoinette wolle das Collier heimlich erwerben – er solle als Vermittler agieren. Unterschriften wurden gefälscht, das Collier wechselte die Hände, wurde zerlegt, und einzelne Steine verkauft.
Marie Antoinette jedoch hatte das Collier weder bestellt noch jemals erhalten – der Skandal beschädigte ihren Ruf dennoch weiter. Nicht zuletzt, weil die Öffentlichkeit bereit war, die Geschichte der „verschwenderischen Königin“ und der „Schuldigen“ für die Armut des Landes zu glauben.
1792, auf dem Höhepunkt der Revolution, stürmten sogar aufgebrachte Menschen ihre Pariser Gemächer und zerstörten Teile ihrer Ausstattung und ihre Kleider. Im selben Jahr wurde die Monarchie abgeschafft. Die Königin wurde wegen Hochverrats verurteilt, ihr Kopf wurde verlangt. 1793 fand sie – wie auch schon der König – ihr Ende unter der Guillotine.
Ihr früher, dramatischer Tod trug dazu bei, dass sie als glamouröse und – wie wir heute wissen – völlig falsch dargestellte Figur in die Geschichte einging: ein Sündenbock der Nation. Ein Schicksal, dass seither viele Frauen in der Öffentlichkeit ereilte.
